Roebroeks, E. (2009). Anthology Of Dutch Electronic Tape Music [cd review]. Neue Zeitschrift für Musik, 170 (1), 83.

EMPFEHLUNG: ANTHOLOGY OF DUTCH ELECTRONIC TAPE MUSIC

Als das elektronische Medium in der Musikgeschichte seinen Einzug hielt, bedeutete das nicht nur neue Chancen für das musikalische Schaffen, alte und neue Ideen zu realisieren. Zugleich offenbarten sich mit ihm die neuen technischen Möglichkeiten als potenzielle Bedrohungen für das kompositorische Verfahren. Manche dieser Bedrohungen haben heute nach wie vor Gültigkeit; zwei davon sind hier von Bedeutung. Erstens, dass ein “Notenkomponist”, der sich die kompositorischen Konsequenzen des elektronischen Mediums nicht angeignet hat, sich abmüht, um überhaupt dem Potential des elektronischen Mediums etwas Klangvolles abzugewinnen; fälschlicherweise entsteht dabei der Eindruck, dass ein arbeidsintensiver technischer Aufwand zu einer ästhetischen Relevanz führt. Zweitens, dass das elektronische Medium durch seine neuen Möglichkeiten den Benutzer “einlädt” mehr an (außer-)musikalischem Input zu generieren, als für den Zuhörer wahrnehmbar ist.

In Memoriam ist von Louis Andriessen 1971 in der Woche nach Strawinskys Tod komponiert worden. Es ist eine kalkulierte Begegnung zwischen einer Synthesizerversion der Eröffnung der 40. Sinfonie Mozarts und dem Rhythmus des letzten Teil des Sacre du printemps. Die Berechnung ergibt folgende Summe: 1200 zusammengeklebte Tonbandstückchen – ein Stückchen Mozart-Tonband für jeden Strawinsky-Akkord und ein leeres Tonbandstückchen für jede Pause. Das Klangergebnis hört sich wie eine Mozart-Aufführung mittleren Ranges auf einem bockenden CD-Gerät an.

Gilius van Bergeijks Komposition D.E.S. (1967/68) liegt die Friedberg-Fassung von Beethovens Sonate op. 49 Nr. 2. zugrunde. Nach einem strengen kompositorischen Verfahren wurde der erste Ton der Sonate mit Hilfe eines Sinustongenerators hergestellt und jeder höhere oder tiefere Ton wurde schneller bzw. langsamer abgespielt und anschließend registriert. Unvermeidbare Fehler, die sich beim Zusammenbasteln ergaben, blieben unkorrigiert, denn das Ziel war kein fertiges Musikstück, sondern das Hörbarmachen von Arbeit. In diesem Sinne blieb alles, was in das Stück eingeflossen ist, hörbar. Und gerade in der Transformation zur “lockeren” Dreieinheit “Beethoven – Van Bergeijk – Medium” manifestierte sich sowohl die Entstehungszeit der Komposition, als auch die überstiegene Referenzzeit.

Das Besondere an dieser erstmals auf CD veröffentlichten Sammlung ist das breite Spektrum an Qualitäten zwischen Versuchen und Höhepunkten. Gerade die Vielfalt musikalischer Strukturen, Materialien und kompositorischer Verfahrensweisen macht diese vier CDs zu einem Zeitdokument einer Musik in progress.

Erwin Roebroeks

Wertung (1-5)
Musikalische Wertung 5
Technische Wertung 5
Repertoirewert 5
Booklet 5
Gesamtwertung 5

Volume 1 1955-1966
Hans Kox, Ton de Leeuw, Jan Boerman, Jaap Spek, Rudolf Escher, Henk Badings, Dick Raaijmakers, Frits Weiland, Tom Dissevelt, Axel Meijer, Robbert Jan de Neeve, Peter Schat, Ton Bruynèl, Will Eisma, Klaus Gorter, Luctor Ponse, Berend Giltay
Volume 2 1966-1977
Jacob Cats, Tera de Marez Oyens, Jos Kunst, Gilius van Bergeijk, Frans van Doorn, Thomas Arras, Simeon ten Holt, Victor Wentink, Louis Andriessen, Peter Smith, Tony van Campen
Basta 30-9182-2, 30-9183-2

© Erwin Roebroeks 2009

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