Roebroeks, E. (2006). “Sound Of Cologne”: Pop-elektronische Musik in Köln und ihre Vorläufer [dvd review]. Neue Zeitschrift für Musik, 167 (5), 69.

“Sound Of Cologne”

Pop-elektronische Musik in Köln und ihre Vorläufer

Im Popjournalismus scheinen zwei Fehler in der Kommunikation ziemlich hartnäckig. Es gibt den Popjournalismus, in dem kaum ein Wort der Musik gewidmet wird, jedoch desto mehr über die Gattungen und Künstler geschrieben wird, von denen der betreffende Musiker angeregt worden ist. Daneben gibt es jenen Popjournalismus, der sich gerade auf das klingende Phänomen fokussiert, jedoch darauf verzichtet, die musikalische Sprache in die Wortsprache “umzusetzen”. Man schreibt oder redet sozusagen unmittelbar aus dem “Gefühl” der Musik heraus. In beiden Fällen muss der Leser oder der Zuhörer mit der betreffenden Musik(-Szene) bekannt sein, um die vermittelte Botschaft überhaupt verstehen zu können.

Wenn man also weiß, daß We built this city ein 1985-er Pophit der Band “Starship” war, von dem die erste Zeile “We built this city on rock an’ roll” lautet, dann ist klar, dass es sich hier nicht um die Kölner elektronische Musik handelt, die im Studio für Elektronische Musik des (N)WDR von internationalen Künstlern produziert worden ist. Hier dreht es sich um die mehr oder weniger populäre elektronische (Tanz-)Musik mit einem angeblich typischen Kölner Sound. Der “Sound of Cologne” ist in einer bestimmten Musikszene weltweit ein Begriff. Deswegen unterstüzt das Kulturamt der Stadt Köln gerne Projekte wie die vorliegende DVD.

Trotz des aktuellen Fokus auf den “neuen” Kölner Sound greift man am Anfang der 15 Interviews mit Schlüsselfiguren auf das alte Studio für Elektronische Musik zurück. Herbert Eimert fasst theoretische Grundbegriffe der elektronischen Musik zusammen. Volker Müller erklärt den Unterschied zwischen dem “alten” und dem “neuen” Schaffensprozess wie folgt: “Heute guckt man ja, was es für ein tolles Programm gibt, lädt sich das auf den Computer und dann guckt man, was man damit machen kann. Die Idee damals war was ganz anderes. Man wollte etwas machen, aber man hatte nichts.” Hier scheint eine vermutete Unbekanntheit mit den theoretischen Grundlagen der “alten” elektronischen Musik einen relativ klaren Journalismus zu fördern. Aber in dem Moment, wo der frühere Stockhausen-Schüler und Mitbegründer der experimentellen Band “Can”, Holger Czukay, enthüllt, dass er sich nachts im WDR-Studio herumschlich, um mit Hilfe von geklauten Tonbänder-Resten zu arbeiten, tritt “das journalistische Gesetz der zunehmenden Anekdotisierung” ein. Wegen der anekdotischen Verfahrensweise der DVD wundert es nicht, dass die entgegengesetzten Positionen des Künstlers Dominik Eulberg und von Volker Müller nicht nacheinander vorgetragen werden.

Im letzten Interview streiten zwei Redakteure und der Chefredakteur des in Köln residierenden Popkulturmagazins Spex sich über Frisuren, Kulturamt und Schuhmode. Das konrete Ergebnis lautet: “Der ‘Sound of Cologne’ ist ein Gefühl.” Da bleibt nichts anderes übrig, als sich die Musik in den acht Videoclips anzuhören und sich den “Sound of Cologne” selber zu deuten.

Erwin Roebroeks

WE BUILT THIS CITY
A documentary on electronic music made in cologne
Regie: Thomas Kappeller, Sebastian Züger / Bildformat: 4:3 / Dolby, HiFi Sound, PAL / c/o pop
cop 03 dvd (www.c-o-pop.de)

© Erwin Roebroeks 2006

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