Roebroeks, E. (2006). Varèse Revisited: Über einen lang anhaltenden Irrtum. Neue Zeitschrift für Musik, 167 (2), 63.

Varèse revisited: Über einen lang anhaltenden Irrtum

Häufig “zitierte” Edgard Varèse die Musikdefinition des Philosophen Hoëné Wronski, eine Definition, die von ausschlaggebender Bedeutung für sein Musikdenken war. Varèse “zitierte” falsch.

Seit Edgard Varèse 1903 das Werk des Philosophen Hoëné Wronski entdeckt hat, “zitierte” er häufig dessen Definition der Musik. Schon allein in seinen Schriften Écrits geht er mindestens fünfmal auf Wronskis angebliche Definition ein. Laut Varèse (1883-1965) schrieb Hoëné Wronski: “Die Musik ist die Verkörperung der Intelligenz die den Klängen innewohnt”.[1]

Varèses Leseart Wronskis war von ausschlaggebender Bedeutung für sein Musikdenken und seine schöpferische Fantasie. “Als ich zwanzig Jahre alt war, entdeckte ich eine Musikdefinition, die plötzlich Licht zu werfen schien auf meine tastenden Wege zu einer Musik, die, wie ich fühlte, möglich war. Es war die Definition Hoene Wronskis, des Physikers, Chemikers, Musikologen und Philosophen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wronski definierte die Musik als ‘die Verkörperung der Intelligenz die den Klängen innewohnt’. Da fand ich zum ersten Mal eine volkommen einleuchtende und gleichzeitig neue und aufregende Konzeption von Musik. Zweifellos dank dieser Definition fing ich an mir Musik räumlich vorzustellen, als bewegliche Tonkörper im Raum, eine Konzeption, die ich stufenweise weiterentwickelte und realisierte.”[2]

Varèse-Kenner wie Fernand Ouellette (1973),[3] Louise Varèse (1972),[4] Konrad Boehmer (1970),[5] Jonathan W. Bernard (1987),[6] Grete Wehmeyer (1976)[7] und Odile Vivier (1973)[8] übernehmen diese Definition ohne weiteres. Vivier nimmt Wronskis angebliche Musikdefinition sogar als Motto ihres Buchs Varèse.
Nur Wehmeyer berührt den Fall Wronskis: “Es ist nicht eindeutig, wo Varèse diesen Satz von Hoëné-Wronski gefunden hat. Chou Wen-Chung […] meint, daß er ihn in dem Buch Esthétique musicale von François Camille Antoine Durutte (1876) gelesen habe. Dort steht der Satz so, wie er zitiert wurde.”[9] Das stimmt jedoch nicht. Was hat sich da in Wirklichkeit zugetragen?

Zum Gedenken an Hoëné Wronski (ca. 1778-1855) publiziert Camille Durutte im 1. Teil seiner Esthétique musicale[10] einen Auszug von Wronskis Philosophie absolue de la musique. Varèse schreibt in seinen Schriften Écrits (auf den Seiten 102-103), dass er die Definition Wronskis in diesem Buch Duruttes gefunden habe. Aber Wronski schreibt in Duruttes Buch etwas ganz anderes als Varèse zu zitieren glaubt. Wo Varèse meint, dass Wronski die Musik definierte als “die Verkörperung der Intelligenz die den Klängen innewohnt” (oder, an anderer Stelle “die Inkarnation der Intelligenz die sich in den Klängen befindet”),[11] schreibt Wronski in Wirklichkeit: “die Verkörperung der Intelligenz in den Klängen”.[12]

Der Unterschied zwischen beiden Zitaten ist wesentlich. Varèses Zitat nach ist Intelligenz in den Klängen immer vorauszusetzen. Dem wirklichen Zitat Wronskis nach soll der Komponist erst seine Intelligenz in die Klänge “einbringen”, um überhaupt von Musik reden zu können. Dies nun zeugt fast von extremen Bedeutungsunterschieden.

Eine zusätzliche Untermauerung für die Auslegung des Wronski-Zitats findet man im 2. Teil von Duruttes Esthétique musicale (1876).[13] Dort spricht Durutte, “nach der tiefgründigen Definition Hoëné Wronskis”, vom “Verkörpern der Intelligenz in den Klängen”.[14] Hier ist also sogar die Rede von einem Tätigkeitswort (verkörpern) – und die beabsichtigte Tätigkeit kann geradezu nichts anderes sein als das Komponieren selbst.

Es bleibt dahingestellt, ob Varèse entweder Wronskis Worte verdreht hat oder ob er sich irrt. Im Hinblick auf Varèses astrologische, mystische und metaphysische Neigungen überrascht seine Zitierweise nicht. Möglicherweise hat er sich in seinen Schriften “dichterische Freiheit” erlaubt. Wronski und Varèse sind in bestimmter Hinsicht Gegenpole, denn wo Wronski einen Hang zum Absoluten hat, zeigt Varèse sich in seinen Texten als ein wahrer Metaphysicus. Deshalb ist es nicht plausibel, dass Varèse gerade in Wronski seine Muse fand.

Kurzum, es gab Anzeichen für eine Fehleinschätzung Varèses. Trotzdem sprechen die Varèse-Kenner ihren Helden schon seit Jahrzehnten nach. Vielleicht aus reiner Bequemlichkeit – so etwas gibt es in fast jeder Fachrichting. Aber vermutlich spielt hier auch etwas anderes mit hinein, nämlich der Glaube an die Wahrhaftigkeit des Worts des Komponisten, der einer hartnäckigen Art der Musikforschung entstammt, in der man eher eine Verbeugung vor dem Komponisten macht, als dass man sich über eine Grundlagenforschung die notwendige Distanz verschafft. Die Moral des Musikforschers besteht im Misstrauen gegen das Wort des Künstlers, weil dessen Moral darin besteht, die “Wirklichkeit” zu transzendieren.

1 “La musique est la corporification de l’intelligence qui est dans les sons” – Edgar Varèse: Écrits, Paris 1983, S. 163.
2 ebd., S. 153.
3 Fernand Ouellette: Edgard Varèse, London 1973.
4 Louise Varèse: Varèse. A Looking-Glass Diary, New York 1972.
5 Konrad Boehmer: “Über Edgard Varèse” (1970), in: ders.: Das böse Ohr. Texte zur Musik 1961-1991, Köln 1993, S. 163-174.
6 Jonathan W. Bernard: The music of Edgard Varèse, New Haven 1987.
7 Grete Wehmeyer: Edgard Varèse, Regensburg 1976.
8 Odile Vivier: Varèse, Paris 1973.
9 Wehmeyer, a.a.O., S. 30.
10 Camille Durutte: Esthétique musicale. Technie, ou lois générales du système harmonique, Paris 1855.
11 ”incarnation de l’intelligence qui se trouve contenue dans les sons” – Varèse 1983, a.a.O., S. 103.
12 “la CORPORIFICATION DE L’INTELLIGENCE DANS LES SONS” – zit. nach Durutte 1855, a.a.O., S VII.
13 Camille Durutte: Esthétique musicale. Résumé élémentaire de la technie harmonique et complément de cette technie, Paris 1876.
14 “corporifier l’intelligence dans les sons, selon la profonde définition qu’en a donnée le philosophe slave Hoëné Wronski” – Durutte 1876, S. 17.

© Erwin Roebroeks 2006

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