Roebroeks, E. (2005). Archives GRM [cd review]. Neue Zeitschrift für Musik, 166 (5), 83.

ARCHIVES GRM: Les visiteurs de la musique concrète / L’art de l’étude / Le son en nombres / Le temps du temps réel / Le GRM sans le savoir / Institut National de l’Audiovisuel INA C 1030 ADD 743 276 502, 5CDs

Was darf man von einer CD-Box von einem der wichtigsten elektro-akustischen Musikstudios erwarten? Erstens, dass es sich um eine Gesamtausgabe handelt. Zweitens, dass das Studio mittels neuer Erkenntnisse im Booklet entmythisiert wird. Leider entspricht die 5CD-Box Archives GRM von Pierre Schaeffers Studio diesen Erwartungen nicht, im Gegenteil. Die im Booklet angeführten Gründe für die Lücken in der Gesamtdarstellung der Musikstücke, oder Ausschnitte aus Kompositionen – als solche oft unerwähnt -, überzeugen keineswegs. Kein Geringerer als der Eingeweihte François Bayle schreibt, dass die “Pariser” Musik Karlheinz Stockhausens fehlt, weil sie zu einer Zeit als Stockhausen im Kölner Studio seinen großartigen Gesang der Jünglinge komponierte an Kraft eingebüßt habe und er damit einen Schlusspunkt hinter die Rivalität zwischen dem konkreten und dem elektronischen Genre setze. Selbst wenn man nicht weiß, dass der Grund für seine Abwesenheit darin liegt, dass Stokhausen nie in eine externe Veröffentlichung einwilligen würde, kann man dem Kontext entnehmen, dass Bayle sich mit dem Leser einen Scherz erlaubt.

So wird der Mythos des Pariser-Kölner-Streits nach außen hin genährt und wird auch innerhalb des Studios von Schaeffer aufrecht erhalten. Dem Booklet nach wird die Beziehung Schaeffers zu den übrigen Komponisten beweihräuchert. In Wirklichkeit wünschte der Theoretiker Schaeffer, dass “seine” Komponisten seinen Klang-Ideen folgten. Schließlich kam es dadurch zu einem Bruch zwischen Schaeffer und Iannis Xenakis, André Boucourechliev und Michel Philippot. Laut B. A. Vargas Conversations with Iannis Xenakis hat Schaeffer das ihm dedizierte Bohor sogar gehasst. Darüber hinaus geht man anscheinend davon aus, dass die vorliegende Version von Xenakis’ Concret PH im Philips-Pavillon der Weltausstellung 1958 abgespielt wurde. Gerade diese Version befindet sich auf der Doppel-CD His Master’s Noise: The Institute of Sonology.

Hinzu kommt noch, dass die englische Übersetzung des französischen Texts fehlerhaft ist. Wenn man zum Beispiel Concret PH – das Interludium des “Gesamtkunstwerks” Poème électronique der Expo 58 – des Architekten-Komponisten Xenakis auf Französisch als “eine phono-architektonische Geste” und auf Englisch als “eine phonologische Geste” charakterisiert, erfüllt das Booklet nicht eben eine erläuterende Funktion.

Das alles ist nicht nur schlimm, weil es sich hier ganz bestimmt um intelligente Musik von unter anderem Schaeffer, Olivier Messiaen und Luc Ferrari bis zu Bernard Parmegiani handelt. Es ist vor allem ein wunder Punkt, da Schaeffer, der geistige Vater der Groupe de Recherches Musicales, eines der Standardwerke der elektro-akustischen Musik geschrieben hat. Eine CD-Box die Archives GRM heißt, sollte man zu den Kostbarkeiten zählen und als solche benutzen können, statt seine Zuflucht zu externen Tonträgern und Texten nehmen zu müssen.

Erwin Roebroeks

Wertung (1-5)
Musikalische Wertung 5
Technische Wertung 4
Repertoirewert 5
Booklet 2
Gesamtwertung 4

© Erwin Roebroeks 2005

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