Roebroeks, E. (2005). Popular Electronics: Early Dutch Electronic Music From Philips Research Laboratories (1956-1963) [cd review]. Neue Zeitschrift für Musik, 165 (1), 80.

EMPFEHLUNG: Popular Electronics: Early Dutch Electronic Music From Philips Research Laboratories (1956-1963)

Wenn man sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt die eigenständige Klangwelt des einzigartigen Oeuvres Dick Raaijmakers’ anhört, wird aus der Retrospektive klar, dass die Firma Philips Risiken eingegangen war, als sie Ende der 50er Jahre gerade Raaijmakers (Kid Baltan) beauftragte, populäre elektronische Musik zu komponieren. Es nimmt deswegen nicht Wunder, dass die Musik dieser 4CD-Box sich damals Rezeptionsschwierigkeiten gegenübersah. Für manchen E-Zuhörer waren die Klänge Raaijmakers’ – und nicht zuletzt auch Tom Dissevelts – zu oberflächlich und für viele U-Zuhörer zu konstruiert. Gesetzt den Fall, eine beabsichtigte populäre Musik sei eine form funktioneller Musik, dann könnte man sich die Frage stellen: War hier von einer außergewöhnlichen Situation funktioneller Musik die Rede, die ihrer Zeit weit voraus war, oder war es die ganz alltägliche Geschichte des hinter seiner Zeit zurückbleibenden Publikums? Die Antwort liegt wohl jenseits dieser Dichotomie.

Die Popular Electronics wurden im legendären Philips’ NatLab (Natuurkundig Laboratorium = physikalisch Labor) in Eindhoven komponiert, dort wo Edgard Varèse gleichzeitig am Poème électronique arbeitete. Für Philips war dieses musikalische Experiment eine Testreihe mit dem Ziel, einen Markt für die kommerzielle elektronische Musik zu erschließen. Tom Dissevelt und Kid Baltan produzierten 1957 Song of the Second Moon, der als der weltweit erste Versuch populäre elektronische Musik zu komponieren, betrachtet wird. Dissevelt, Mitglied der Jazzband The Skymasters, komponierte weiterhin das erstaunlich dodekaphonische Stück Intersection (1961), eine “Fantasy for Electronic Sound and Jazz Orchestra”. Da ist was los! Dissevelt, so Konrad Boehmer in einer der sieben (sic!) englischsprachigen Booklets, impfte sogar den fortgeschrittensten Kompositionstechniken neuen musikalischen Schwung ein. Dass diese meisterhaft komponierten und gleichzeitig locker klingenden Werke von Raaijmakers und Dissevelt sich vom prätentiösen Kitsch Henk Badings abheben, ist eines von vielen Reizen dieser hervorragend restaurierten und produzierten, sämtlichen Werke.

Da staunen sogar heute Techno-Musiker in den Niederlanden, denn für diese hört sich diese Musik wie Techno avant la lettre an. Dennoch ist es Philips seit 1956 nicht gelungen, diesen Markt zu erobern. Gerade 1956 meinte Adorno: “Je weniger autonome Ansprüche Musik erhebt, je mehr sie als gesellschaftliches Konsumgut hergestellt wird […].” Wenn man die abendländische Kunstmusik als die Musik der sich entfaltenden Variation, und Techno als die Musik der radikal durchgeführten Wiederholung betrachtet, dann hört man hier ein von den großen Geistern Dissevelt und Raaijmakers radikal erschlossenes Niemandsland, der sich entwickelnden Wiederholung. In dieser Hinsicht sind ihre eigensinnigen Klangwelten auch heute noch nicht als funktionell, sondern als recht autonom zu charakterisieren.

Erwin Roebroeks

Wertung (1-5)
Musikalische Wertung 5
Technische Wertung 5
Repertoirewert 5
Booklet 5
Gesamtwertung 5

KID BALTAN: sämtliche elektronische Werke
TOM DISSEVELT: sämtliche elektronische Werke
HENK BADINGS: Ballettmusik
DICK RAAIJMAKERS: Filmmusik
Basta 30.9141.2

© Erwin Roebroeks 2005

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